Die Solitude auf dem Sieglitzer Berg
letztes Update: 01.05.2019
Zur Anlage des Sieglitzer Berges gehören neben diversen Skulpturen, Wachtoren, ein Küchengebäude und die Solitude.
Den Bau der Solitude begann Erdmannsdorff im Jahre 1777. Er hatte das Gebäude in der Form eines dorischen Tempels entworfen.

 

Die meisten Zerstörungen sind im Park erst nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, als das Gelände militärisch genutzt wurde. Die Solitude selbst stand noch bis 1979/80, wurde dann aber leider abgerissen.
Vor einigen Jahren hat sich der Rotary Club Dessau die Wiederherstellung der Solitude auf die Fahnen geschrieben. Über Jahre wurde Geld gesammelt und Fördermittel aufgetan. So konnte vor zwei Jahren das Fundament wiederaufgebaut und die noch vorhandenen Bauteile gesichert werden.
Momentan wird das Gebäude tatsächlich wieder aufgebaut und das Richtfest ist noch in diesem Jahr geplant.
Der Sieglitzer Berg ist Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter der Regentschaft von Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (* 1740; † 1817) geschaffen wurde.
 
Bauzustand im Mai 2010
 
Bauzustand im November 2010
 
Bauzustand im März 2011
 
Säulenfragment liegt noch in der Landschaft, Sommer 2010
 

Einleitung

1777 hat Fürst Franz von Anhalt-Dessau begonnen, auf halbem Weg vom Dorf Vockerode zum Vogelherd, dem jetzigen Luisium, eine märchenhafte Waldidylle anzulegen. Der damals direkt am Ufer der Elbe entstehende Sieglitzer Park, etwa 23 Hektar groß und mit 68 Metern Höhe vor Überschwemmung sicher gelegen, begeisterte fortan. Von "geordneter Wildnis" und einem nunmehr "deutschen Garten" sprachen die Experten.

Dem Fürsten war der Park - ein kleines Waldschlösschen bot Unterkunft - Stätte konspirativer Treffen, der Repräsentation und kleinerer Feste. Vorrangig jedoch nutzte er den abgeschieden gelegenen Platz als Kurort im eigenen Land, um seine rheumatischen Beschwerden zu lindern.

So notierte am 25. Juni 1779 Fürstin Louise in ihrem Tagebuch: "Ich fing an den Egerbrunnen im Vogelheerd und der Fürst eine Badekur auf dem Sielizerberge zu gebrauchen. Täglich kam er aber entweder zu mir oder ich zu ihm." Fürst Franz empfing in seiner Waldeinsamkeit zu dieser Zeit auch Georg Heinrich von Berenhorst, den Vorsteher des fürstlichen Hauswesens und ehemaligen Adjutanten Friedrichs des Großen. Schließlich mussten die Regierungsgeschäfte erledigt werden. Am 29. Juli 1779 steht dann im Tagebuch der Fürstin: "Wir verließen den Vogelheerd und Sielizerberg und begaben uns nach Wörlitz." Die Kur war beendet.

Wild in Hülle und Fülle

In der von Christian August Bertram herausgegebenen "Litteratur- und Theater-Zeitung", die zur Lektüre der Fürstin gehörte, findet sich 1780 eine Beschreibung des im Aufbau befindlichen Parks: "Eine kleine Stunde von dem Vogelherd an der Elbe liegt der Sieglitzer Berg. Daselbst hat der Fürst im vergangenen Jahre ein Gebäude aufführen lassen, dessen vordre Seite mit einer Kolonnade versehen ist, und auf deren Giebel die Worte: der Besserung stehen. Hier wohnt der Fürst zu Anfange des Sommers einige Wochen, um das Bad oder den Brunnen zu brauchen, worauf obige Worte zielen. Seitwärts ist die Küche in der Figur einer Ruine angebracht; auch der Garten hat hübsche Partien, und wird so wie das Schloss von einem starken Walde umschlossen, im welchem Hirsche, Rehe und Schweine heerdenweise herumlaufen."

Das Gartenschloss - die Solitude - stand also im Mittelpunkt und am Anfang der Anlage im Auenwald, die als einzige im Fürstentum bis ins 19. Jahrhundert direkt an der Elbe lag. Das von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff entworfene ganz in Weiß gehaltene klassizistische Gebäude wurde in der Gestalt eines römischen Tempels gebaut, dessen Front mit einer Viersäulenvorhalle der Elbe zugewandt war. Freilich hat sich der Verlauf des Stromes verändert, ist zwar heute noch das befestigte Steilufer stellenweise vorhanden, zeigt sich der Fluss jedoch nur noch in der Ferne. Die Solitude (frz. Einsamkeit) kann so längst nicht mehr übers Wasser erreicht werden, wie damals, als noch Schiffe im heute verschwundenen Hafen anlegten.

Und das Gebäude selbst bestand bis vor wenigen Jahren nur noch aus einem Haufen von Steinen. Nach 1945 verfiel es allmählich, bis es 1979 abgerissen wurde. Fundament und Umfassung - mehr war nicht geblieben mitten in einer zunehmend ihre Gestalt verlierenden Wildnis. Dank der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, des Rotary Clubs Dessau und vieler Helfer steht nach jahrelangem Mühen nun der Rohbau wieder, soll am 21. Oktober das "neue" Schlösschen der Öffentlichkeit übergeben werden. Und auch im Park ist die ordnende Hand der Gärtner und Förster - nachdem bereits in den 1990er Jahren in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Beschäftigte erste wichtige Arbeiten erledigten - immer stärker zu erkennen.

Der Sanierung harrt indes ein weiteres Gebäude, das sich gleich neben der Solitude - deren Bau von 1777 bis 1783 andauerte - befindet: das Monument, ein Bauwerk in Gestalt eines verfallenen römischen Grabturmes, das 1779 / 80 errichtet wurde und heute nur noch in Teilen vorhanden ist. In seinem Innern befanden sich Küche und Keller, wurde Wasser erwärmt und mittels eines unterirdischen Röhrensystems in die geflieste Badestube der Solitude geleitet.

Von deren Rückseite aus, früher stand dort einer der nicht mehr existierenden Steinsitze, geht der Blick wie ehedem drei Sichtschneisen entlang, die sich wie bei einem Fächer aneinander reihen. Am Ende der einen lässt sich in der Waldesferne ein vor 1780 aufgestelltes Postament mit verwitterten lyrischen Texten heute nur noch wenig bekannter Dichter des 18. Jahrhunderts erkennen. Verewigt sind dort die Umgebung reflektierende Gedanken von Ernst Wolfgang Behrisch, Ewald von Kleist und Friedrich von Hagedorn. Auf dem Postament soll die Skulptur eines tanzenden Fauns, dem Naturgott, der über Wälder und Felder wacht, gestanden haben. In der "Litteratur- und Theater-Zeitung" von 1780 heißt es: "Die hintre Thür des Schlosses giebt die Aussicht auf eine Statue, welche den Pan vorstellt." Die Statue ist verloren gegangen.

Andenken an einen Gefallenen

Eine andere Waldschneise führt den Blick zu einer auf einem Postament platzierten und zwischen 1784 und 1785 installierten Sandsteinvase, die an den in der Schlacht bei Torgau auf preußischer Seite gefallenen Wilhelm Graf von Anhalt erinnert. Die Inschriften auf dem Sockel sind verwittert. Von den zwei einst an den Seiten befindlichen Medaillons fehlt eines. Und auch das Profilbildnis des Toten, das auf der Vorderseite der doppelhenkligen Urne angebracht gewesen war, ist nicht mehr zu sehen.

Am Ende der dritten Sichtachse findet sich schließlich die neu errichtete Sandstein-Skulptur einer Diana mit wehendem Mantel, den Köcher auf dem Rücken, rechts neben ihr ein Hund. Das Original wurde 1785 aufgestellt. Rings um den Park zog sich einst ein Zaun, der das zahlreich vorhandene Wild abhalten sollte, das Gelände zu verwüsten. Er ist verschwunden, nicht aber die drei inzwischen zum Teil sanierten Tore, die ab 1790 entstanden und den Zutritt zum Park ermöglichten: Auf dem Wall aus Richtung Dessau kommend, passiert der Besucher ein Tor in barocker Gestalt. Das Vockeroder Tor ließ der Bauherr schlicht klassizistisch gestalten. Den dritten Eingang aus Wörlitzer Richtung markiert das neugotische mittelalterliche Burgtor.

Vieles der historischen Gartenanlage mit ihren architektonischen Resten konnte wiederhergestellt werden. Doch bedarf es noch viel Zeit und Geld bis uneingeschränkt wieder zutrifft, was Gartenexperten vor mehr als 200 Jahren anerkennend vermerkten, was die Zauberwelt der Waldeinsamkeit ausmachte: "Einfach, ungekünstelt ist die ganze Anlage des Berges. Nur die Kunst hat geordnet, was die Natur ungeordneter und ungepflegter liegen ließ . Die Empfindungen des Herzens, das Interessirende sollte hier genährt und unterhalten werden . Die Verschönerung, die Pflege dieser Anlage dient hier bloß, dass wir nicht ganz in einer Wildniß, in einem einzelnen finstern Orte der Einsamkeit zu wandern glauben", schreibt beispielsweise Johann Christian August Grohmann, Professor der Philosophie in Wittenberg und ausgewiesener Gartenfachmann seiner Zeit 1799 im "Taschenbuch für Garten-Freunde". Und Fürst Charles Joseph de Ligne, Schriftsteller und Gartenautor, fügt Ende des 18. Jahrhunderts anerkennend hinzu: "Ich habe auch den Silitzerberg, ein kleines Schloß, oder wenn man lieber will, einen Tempel mit vier Säulen am Ufer der Elbe besucht, dessen Sallon und Gemächer sich in der Tiefe befinden. Er ist mit Eichen umgeben, die mehrere Jahrhunderte alt sind, wie denn die Sage einer darunter tausend Jahre giebt. Es ist die reizendste Wildnis, die ich kenne.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 23.08.2011

 
Innenraum der Solitüde vor dem II. Weltkrieg
Quelle: Mitteldeutsche Zeitung
 

VOCKERODE/MZ.

Fürst Franz von Anhalt-Dessau weicht aus. Er antwortet nicht auf die Frage von Friedrich Reil nach dem Sinn der Worte, die an der Solitude auf dem Sieglitzer Berg zu lesen sind. "Der Besserung" steht da in vergoldeten Großbuchstaben auf dem Gebälk über der Vorhalle geschrieben. Und ein Stück darunter direkt über der Tür, ebenso strahlend und der Elbe zugewandt: "Des 26. September 1783 eingedenk".

"Das ist nun so mein Geheimniß. Sie können rathen. Ich spreche nicht gern davon", hört der Wörlitzer Propst seinen Landesherren sagen. Reil macht sich also seinen eigenen Reim auf die Sache. Er schreibt in der von ihm 1845 veröffentlichten Biografie über den Fürsten, dass die Inschriften an dessen Aussöhnung mit Gattin Louise erinnern sollen. Kurz nach dem Geburtstag der Fürstin habe dieser am 26. September 1783 den Entschluss gefasst "ein neuer Mensch zu werden", sich zu bessern, dem "Uebermuth sinnlicher Begehrungen" zu entsagen, erklärt Reil dezent auf die zerrüttete Ehe des Fürstenpaares anspielend. Einen Bezug auf die "Wiederherstellung leiblicher Gesundheit" sieht er nicht. Statt "Besserung" hätte der Fürst dann wohl "Genesung" an die Solitude schreiben lassen. Da ist sich der Propst sicher.

Das Rätsel wird gelöst

So geht das Spekulieren jahrzehntelang weiter. Bernhard Heese, Heimatforscher und Dessaus erster Stadtarchivar, schreibt beispielsweise in den 1920er Jahren über die Inschrift: "Nicht jeder wird sie gleich verstehen. Sie deutet darauf hin, dass Fürst Franz das Schlösschen zur Erinnerung an eine glücklich überstandene Krankheit seiner Gemahlin erbaute."

Beide betrachten die zwei Inschriften als Einheit. Ein Irrtum. Denn schon 1780 ist von "Der Besserung" in der "Litteratur- und Theater-Zeitung" die Rede. Da steht: "Eine kleine Stunde von dem Vogelherd an der Elbe liegt der Sieglitzer Berg. Daselbst hat der Fürst im vergangenen Jahre ein Gebäude aufführen lassen, dessen vordre Seite mit einer Kolonnade versehen ist, und auf deren Giebel die Worte: der Besserung stehen." Da ist der 26. September 1783 noch drei Jahre entfernt. Getrost kann also angenommen werden, dass die Inschrift auf die Hauptbestimmung des Sieglitzer Parks als Ort der fürstlichen Kur verweist.

Der Prinz von Preußen kommt

Jene über der Tür jedoch muss erst um 1784 entstanden sein, als der Berliner Johann Fischer, der in den meisten von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff errichteten Gebäuden in Wörlitz und Umgebung für die Malereien sorgt, letztmalig auf dem Sieglitzer arbeitet. Sie macht auf eine weitere Funktion des einsam gelegenen Ortes aufmerksam. Hier führt Fürst Franz geheime politische Verhandlungen. So auch am 26. September 1783. Sein Hofmarschall, Georg Heinrich von Berenhorst, notiert für dieses Datum in seinem Kalender: "Abends um 6 Uhr kommt der Prinz von Preußen in Begleitung des Majors von Bischofswerder auf dem Sieglitzer Berge an."

Den künftigen Preußenkönig - mit dem Fürst Franz einen vertrauten Umgang pflegt - will dieser von der Bildung eines Bundes kleinerer Fürstentümer als Gegengewicht zum Habsburger Kaiser Joseph II. überzeugen. Entschieden wendet er sich gegen Pläne der Habsburger und Preußens, Bayern gegen die österreichischen Niederlande zu tauschen. Außerdem setzt der Dessauer große Hoffnungen auf den Thronwechsel. Der verspricht, vom Druck Friedrich des Großen freizukommen. Preußen soll wieder eine wirkliche Schutzmacht sein und die Souveränität der kleinen Fürstentümer garantieren.

Der König ahnt zuerst nichts von den Gesprächen des Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit Fürst Franz. Auch nicht von diesbezüglichen Treffen mit Herzog Carl August von Sachsen-Weimar oder mit Markgraf Carl Friedrich von Baden. Doch als er von den Bestrebungen erfährt, ohne genau zu wissen, wer beteiligt ist, reißt er die Aktivitäten an sich und schließt 1785 - kurz vor seinem Tod und mit großem diplomatischen Geschick - einen eigenen Fürstenbund zwischen Preußen, Sachsen und Hannover. Später tritt diesem auch der Fürst von Anhalt-Dessau bei.

Die Verlobungsfeier im Park

1791 gerät der Sieglitzer Park noch einmal ins Schlaglicht der großen Politik, diesmal jedoch ganz öffentlich. Und wieder spielt das benachbarte Preußen die entscheidende Rolle. Kronprinz Friedrich Wilhelm ist jetzt König und wie sein Vorgänger bestrebt, das Haus Anhalt-Dessau an sich zu binden. Eine Heirat erscheint dafür wieder einmal ausgesprochen geeignet. Und so wird Fürst Franz mitgeteilt, dass die Verbindung des Erbprinzen Friedrich von Anhalt-Dessau mit Prinzessin Luise von Preußen beschlossene Sache sei. Es wird beraten, verhandelt und verlobt. Anfang Juni 1791 kommt dann die Braut mit Eltern und zwei Brüdern nach Dessau. Auch auf dem Sieglitzer Berg halten sich die Gäste auf. Als die Preußen wieder abreisen, schreibt Fürstin Louise am 9. Juni in ihr Tagebuch: "Braut und Bräutigam passten so wenig zusammen, daß ich an der Wahrheit und dem Bestand der Sache weder glauben konnte noch wollte." Sie sollte Recht behalten: Im März 1792 wird die Verlobung wieder gelöst und der Sieglitzer steht fortan nicht mehr im Rampenlicht der Politik.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 30.08.2011

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