Die Geschichte der Dessauer Katholiken 1213 - 1858
Letztes Update: 02.05.2019
Beilage zum Pfarrbrief
Vorwort
Die erste urkundliche Erwähnung von Dessau (Dissowe) stammt aus dem Jahre 1213 und gründet sich auf eine Stiftungsurkunde des Fürsten Heinrich I. Zeitlich früher finden sich Erwähnungen der heutigen Dessauer Stadtteile Sollnitz (1050), Kleutsch (1144), Nauendorf (1159) und Pötnitz (1179). Auch die St. Marienkirche, die Kapelle St. Niclas und die Kapelle St. Georg sind schon vor der Stadt Dessau urkundlich erwähnt. Leider findet sich hierzu aber keine Jahresangabe. Das Gebiet des ehemaligen Herzogtums Anhalt wurde mit dem Vordringen der Deutschen in Richtung Osten und mit der Unterwerfung der ansässigen wendischen (slawischen/sorbischen) Bevölkerung christlich. Großen Anteil an der Festigung des katholischen Glaubens hatten hierzulande die Fürsten (Namen werden leider nicht genannt) deren Stammvater Heinrich, Enkel des Askaniers Albrecht des Bären (1106 - 1169) war. Sie stifteten bzw. finanzierten nicht nur Kirchen und Spitäler, aus ihnen gingen auch manche Priester und Bischöfe hervor. So war Prinz Adolf aus der Zerbst - Albrechtschen Linie der Bischof von Merseburg und sein Bruder Magnus Dompropst zu Magdeburg. Sie blieben auch nach der Reformation ihrem Glauben treu. Es ist zu bemerken, daß die Quellen bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts nur sehr spärlich fließen. Die ersten konkreten Angaben betreffen den Franziskanerpater Markus Verkühlen aus Halle an der Saale. Dieser kam "ab und zu zur Pastorisierung der Katholiken" nach Dessau. Er wird es wohl gewesen sein, der die bereits im Jahre 1697 erwähnte und in Dessau gegründete Franziskanermission betreute.
Die Wiege unserer Gemeinde nach der Reformation stand wohl im Jahre 1719 in der Schlafstube des katholischen Schloßhauptmannes Adam Trinthammer. Sein Haus befand sich in der Schloßstraße 1, zwischen der Kirche St. Marien und dem Schloß, über der Adlerapotheke. Hier war als erster ständiger Seelsorger in Dessau von 1719 - 1728 der aus dem Franziskanerkloster zu Halberstadt stammende Pater Basilius Schohans tätig und hatte in Dessau zunächst 14 Katholiken zu betreuen. Mit der Zeit, sowie an hohen Festtagen, stieg die Zahl mitunter auf 50 Personen (Böhmen, Italiener und Polen) an. "Bei solchen Anblick freut sich der Missionar!" Da die Anzahl der Katholiken in Dessau von 1739 bis 1754 erheblich gewachsen war, wurde eine Erweiterung der Kapelle nötig, welche von Fürst Leopold III. Friedrich Franz auf seine Kosten durchgeführt wurde. Welche Kapelle hier gemeint ist, wird allerdings nicht erwähnt. Wahrscheinlich ist aber hier noch immer von der obengenannten Schlafstube die Rede, welche wohl bis ca. 1807 genutzt wurde. Sämtliche kirchliche Kasualien (Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen) waren allerdings bis zum Jahre 1787 den evangelischen Geistlichen vorbehalten, in dessen Sprengel (Einzugsgebiet des Priesters) die Betreffenden wohnten. So war es erst der Pater Basilius Romanus Plankermann, der das Recht auf Spendung der Kasualien vom Fürst Leopold III. Friedrich Franz am 18.07.1787 erhielt. Das Recht auf die Stolgebühren (dafür zu entrichtende Gebühr) war damit nicht verbunden. Im Jahre 1790, als Pater Marianus Menkens (sein Grabstein steht heute auf der Südseite unserer Kirche; sein Grab befand sich auf dem ehemaligen Friedhof 1) in Dessau tätig war versiegte der finanzielle Zuschuß aus Rom. Der Pater meldete seinem Landesherren, daß er nur noch "für 14 Tage notdürftig zu leben hätte". Daraufhin erhielt er von Fürst Leopold III. Friedrich Franz ein Gehalt und "viermal in der Woche ein Essen aus der Hofküche". Sowohl Leopold III. Friedrich Franz (Vater Franz, 1740 - 1817), als auch dessen Großvater Fürst Leopold I. von Dessau Anhalt (Alter Dessauer, 1676 - 1747) waren den Katholiken in Dessau sehr gewogen. Besonders Vater Franz wurde als "Segen für die Entwicklung der Gemeinde" bezeichnet. Am 19.04.1807 überließ Fürst Leopold III. Friedrich Franz der Gemeinde die Kapelle des Amalienstiftes (wahrscheinlich St. Franziskus) in der Poststraße. Dort war die Heimat der Gemeinde bis zur Fertigstellung unserer Kirche im Jahre 1858. Nach dem Tode von Pater Menkens wurde 1824 ein Weltgeistlicher ins Amt berufen. Es war der Katechet Johannes Tusch, welcher eigentlich nur zu Besuch in Dessau weilte, aber von den Katholiken zum Bleiben überredet werden konnte. Im Jahre 1830 erhielt die Mission dann endlich die vollen Pfarrechte, mit dem Recht zur Erhebung der Stolgebühren, zur Führung von Kirchenbüchern sowie Kirchensiegel. Im August 1834 wurde von Papst Gregor XIV bestimmt, daß alle Dessauer Katholiken der Gerichtsbarkeit des Nuntius (ständiger diplomatischer Vertreter des Papstes) in München unterstellt werden. Der Vollständigkeit halber noch die Namen der Seelsorger von 1697 bis zur Weihe unserer Kirche 1858: 1697 - Pater Verkühlen, 1719 - Pater Schohans, 1728 - Pater Mensingk, Pater Schürmann, Pater Voß, Pater Bruns, Pater Bernigk, 1772 - Pater Nacke, 1786 - Pater Plankermann, 1787 - Pater Rüding, 1789 - Pater Menkens, 1824 - Katechet Tusch, 1834 - Dr. Franz Xaver Küstner; Erbauer unserer Kirche, beigesetzt 1880 an der Südseite unserer Kirche.

Schloßkirche (Pfarrkirche) St. Marien
Der genaue Zeitpunkt der Gründung der Kirche St. Marien kann nicht mehr genau nachvollzogen werden. Als sicher dürfte gelten, daß sie bereits vor dem Jahre 1213 erbaut wurde. Neben dem Hauptaltar gab es in der Kirche 6 weitere Altäre (Altar des heiligen Kreuzes, Altar der heiligen Petrus und Paulus, Altar des heiligen Martin, Altar des heiligen Gerhard, Altar des heiligen Blutes, Frühmessenaltar).
Am Anfang des 16.Jahrhunderts als in Dessau der Askanier Fürst Ernst regierte wurde sie wegen Baufälligkeit abgetragen. Außerdem war sie auch nicht mehr der Bedeutung der Stadt angemessen und überdies zu klein. Fürst Ernst war es auch, der sich um den Neubau sowie um die Beschaffung der notwendigen finanziellen Mittel bemühte. Während der Bauarbeiten wurden verschiedene Fürstengräber, unter anderem die des Markgrafen Woldemar von Brandenburg und von Fürst Ernsts Vater Fürst Georg gefunden. Die Gebeine wurden in einem Sarg vor dem Altar der neuen Kirche beigesetzt. Später wurde dies die Grabstelle von Fürst Ernst selbst. Die Grundsteinlegung der uns heute bekannten Form der Kirche erfolgte im Jahre 1506. Die Fertigstellung im Jahre 1541 erlebte der im Jahre 1516 verstorbene Fürst Ernst nicht mehr. Seine Söhne Joachim und Georg kümmerten sich an seiner Stelle um die Beendigung der Bauarbeiten. Im Jahre 1550 ließ Fürst Joachim das Dach des Turmes abtragen um die Mauern erhöhen zu lassen. Durch Unachtsamkeit der Baumeister, sie hatten versäumt die Tragfähigkeit des Fundamentes zu untersuchen, stürzte der Turm am 7. September 1550 ein. Aber schon im folgenden Jahr ließ Fürst Joachim die Trümmer beräumen und den Turm bis zum Jahre 1554 wieder neu aufbauen. Die Kosten trugen sowohl die beiden Fürsten Joachim und Georg als auch andere "rechtschaffende Leute". Bis zum Gründonnerstag, dem 2. April 1534, diente die St. Marienkirche als katholische Kirche. Den letzten katholischen Gottesdienst hielt Pfarrer Peter Ansbach. Dokumentiert sind die folgenden Namen der katholischen Geistlichen: 1213 - Bertold; 1275 - Heinrich, Capellan des Fürsten Siegfried von Anhalt; 1289 - Heinrich, Pfarrverweser; 1313 - Ruprecht; 1346 - Johannes von Morditz; 1358 - Petrus von Morditz; 1371 - Albertus Golboge; 1439 - Kerstian; 1446 - Thamme von Düben; 1467 - Jacob Quentin; 1477 - Mauricius Fabri; 1511 - Johann Cremer; 1526 - Petrus am Ende; 1532 - Gregorius Peschel, später erster protestantischer Superintendent. Die berühmten 3 Cranachgemälde in St. Johannis stammen ursprünglich aus St. Marien und wurden nach deren Zerstörung 1945 dorthin verbracht.

Kapelle St. Niclas
Die Kapelle St. Niclas gehörte zu einer Stiftung, dem sogenannten Geisthof. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahre 1228, jedoch gibt es Anhaltspunkte, daß sie bereits früher bestanden hat. Mittelpunkt des Geisthofes war neben der Kapelle offenbar ein Hospital in welchem die Armen und Kranken versorgt wurden. Finanziert wurde der Geisthof vom Fürstenhaus, den Gottesdienst hielten die jeweiligen Geistlichen von St. Marien. Der Standort lag in der damaligen Innenstadt und läßt sich genau bestimmen. Der Geisthof und das Hospital mit seinen Wirtschaftsgebäuden befanden sich in unmittelbarer Nähe unserer Kirche, etwa an der Stelle wo sich heute die Ruine des Kristallpalastes befindet. Die eigentliche Kapelle "etwas weiter nördlich" (in Richtung St. Peter und Paul). Mit der Reformation im Jahre 1517 verlor leider auch dieses katholische Gotteshaus seine Bedeutung und wurde in späterer Zeit als Lagerhaus verwendet. Aus dem Jahre 1543 ist bezeugt, daß die Kapelle zur Lagerung von "allerlei Kriegsvorräten" verwendet wurde. Die Kapelle wurde im Jahre 1708 wegen Baufälligkeit abgerissen, nur der Turm blieb noch einige Jahre stehen. Die dazugehörigen Güter wurden vom Fürstenhaus eingezogen, allerdings wurde das Spital weiterhin unterhalten.

Kapelle St. Georg
Die erste urkundlicher Erwähnung der Georgskapelle findet sich im Jahre 1408. Gewidmet und erbaut war sie zu Ehren Christi, der Mutter Maria, St. Johannes dem Täufer, St. Laurentius und Maria Magdalena. Auch hier hielten die Geistlichen der Schloßkirche St. Marien die Gottesdienste zweimal wöchentlich. Allerdings durften auch hier nach der Reformation keine katholischen Messen mehr stattfinden. Die Kapelle gehörte ebenfalls zu einem Hospital, dem Hospital "St. Georg". Hospital und Kirche befanden sich im 15. Jahrhundert außerhalb der Stadtgrenzen. Ein Grund dürfte wohl gewesen sein, daß dort Kranke mit unheilbaren und/oder ansteckenden Krankheiten untergebracht waren. Unterhalten wurden Kirche und Hospital von Almosen. Eingesammelt wurden die Almosen von sogenannten Hospitalboten, welche vom Rat mit "Geleitsbriefen" ausgestattet wurden, als Dank für ihre Gaben wurde den Spendern ein Anteil am Ablaß gewährt. Die alte gotische Kapelle überstand die Reformation zunächst, wurde aber zugunsten der auch heute wieder vorhandenen evangelischen St. Georgs Kirche im Jahre 1712 auf Geheiß von Fürst Leopold abgerissen. Der Standort der Kapelle war demnach der Platz der heutigen Georgenkirche, der des Hospitals das Gelände auf dem sich heute die Ruine des Horten Kaufhauses befindet. Abgerissen wurde das Hospital 1839, zunächst stand hier dann die Turnanstalt des Professor Werner, später das Herzogliche Kreisgericht und anschließend das Kaufhaus Seiler (Konsument Warenhaus, Horten Kaufhaus).

Kaland Brüderschaft
Die Brüderschaft wurde zur "Verrichtung guter Werke" gegründet und bestand sowohl aus geistlichen als auch aus weltlichen Mitgliedern. Bekannt ist, daß der Dessauer Rat der Brüderschaft das Haus Zerbster Straße 34 im Jahre 1372 überließ (die Hausnummern sind mit den heute vorhandenen nicht mehr vergleichbar). Außerdem wurde sie von allen städtischen Pflichten und Lasten befreit. Im Jahre 1385 wurde sie vom Erzbischof Albrecht IV von Magdeburg offiziell bestätigt. Damit erhielt sie unter anderem auch das Recht, Gottesdienste abzuhalten. Die Kaland Brüderschaft erhielt überdies auch das Recht, Gottesdienst an Orten abzuhalten, welche dem Interdikt (kirchenrechtliche Strafmaßnahme des Papstes gegen einzelne Gemeinschaften oder Länder, Verbot den Gottesdienst abzuhalten) unterliegen, allerdings unter Ausschluß derer, die Ursache des Verbotes waren.
Der Überlieferung nach war "das Verhalten der Brüder nicht immer einwandfrei" und ihnen wurde bereits 1447 durch Erzbischof Friedrich von Magdeburg mit der Aufhebung gedroht. 1540 wurde die Kaland - Brüderschaft endgültig aufgehoben, das Vermögen wurde vom Fürstenhaus an die Kirche St. Marien übertragen.

Zusammengestellt von Axel Hausmann

Quellenangabe:

  • Die Geschichte der katholischen Gemeinde zu Dessau, Adolf Schweitzer, Dessau 1919
  • Führer durch die kath. Kirchengemeinden der Stadt Dessau, Bonifatius Druck, Paderborn
  • Würdig´s Chronik der Stadt Dessau, Heft 1, Albert Reißner, Dessau 1875
  • Das Herzogtum Anhalt, Ferd. Siebigk, Desbarats Verlag Dessau 1867
  • Kleiner Bilderbogen zur Geschichte der katholischen Gemeinde St. Peter und Paul in Dessau, Max Pritze, 1988-1996
  • http://de.wikipedia.org
  • http://www.dessau.de
  • http://www.dessau-geschichte.de
  • http://www.deutsche-staedte.de/dessau
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